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KulTours-Zeitgeschichte: Die Dichterin Agnes Miegel (1879-1964)

Agnes Miegel in der NS-Zeit: Sie veröffentlicht mutig ihre Vorahnungen von Weltenbrand und Verlust ihrer Heimat Ostpreußen

(Textauszug der Agnes-Miegel-Dokumentation mit Einzelnachweisen)

In der neuesten Fassung des Internet-Laienlexikons "Wikipedia" wird der Dichterin Agnes Miegel gleich zu Beginn des Abschnittes Verhältnis zum Nationalsozialismus eine "unkritische und befürwortende Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus" vorgeworfen. Man beruft sich dabei auf ein paar lange bekannte Gedichte, die Agnes Miegel  im Auftrag des NS-Regimes  geschrieben hatte. Welche Konsequenzen die Verweigerung solcher Aufträge in der NS-Diktatur haben konnte, braucht hier wohl nicht näher erläutert zu werden. Trotzdem gelingt es Agnes Miegel, sich Freiräume zu verschaffen. So sagt sie in dem Gedicht Dem Schirmer des Volkes aus dem Jahre 1939, das natürlich auch die von Goebbels erwarteten Elogen an Hitler enthält, nichts weniger als den nahenden Weltenbrand und Untergang voraus:

....

Wenn aus deinem First die Flammen steigen

wird des weißen Mannes Welt entbrennen

wenn sich deine Sonnenfahnen neigen

sinkt die Nacht über das Abendland!

....

Ein Jahr später, also noch vor dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion, prophezeit Agnes Miegel in einem Sammelband des Diederichs-Verlages auch den bevorstehenden Verlust ihrer Heimat Ostpreußen: 

Und so sage ich jetzt, wo der Abschied näher kommt zu dem Land zwischen Weichsel und Memel, wie der Samurai zu der edlen Braut, der er sich vor dem Schrein seiner Ahnen verlobt: ich vermähle mich dir für die nächsten vier Inkarnationen. (1)

Eine Vorahnung

.....

Ich höre es fern, ich höre es bang,

wandernder Füße rastlosen Gang.

Hör Hufe klopfen und Räder knarren,

hör wieder Wagen an Wagen fahren -

durch der blassen Schneenacht Dämmerung

klingt wieder der Ruf der Wanderung! -

Ostwind trägt mir ihr Rufen zu,

Ostwind weckt mich aus steinerner Ruh --

O großes Herz, das gelassen trug,

was Leid und Neid ihm an Wunden schlug , -

vernimm deines Ostlands versinkenden Ruf,

du, der es erschuf!

.....

Weltenbrand, Verlust der Heimat, deutsche Flüchtlingsströme - sieht so Propaganda für den "Größten Feldherrn aller Zeiten" aus?

Zahlreiche Ehrungen für die Dichterin auch während des Kaiserreiches, der Weimarer Republik und in der Bundesrepublik Deutschland

Daneben verwechselt Wikipedia fast durchgängig das aktive Verhalten Agnes Miegels in der NS-Zeit mit dem Verhalten der NS-Führung Agnes Miegel gegenüber. So heißt es bei Wikipedia, Agnes Miegel sei 1933 Mitglied der Preußischen Akademie der Künste geworden und habe dann das Gelöbnis treuester Gefolgschaft für Adolf Hitler unterzeichnet.

Richtig ist stattdessen, daß die bedeutendste deutsche Balladendichterin des Kaiserreiches und der Weimarer Republik 1933 in die gleichgeschaltete Sektion der Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste berufen wurde. Damit war zwangsläufig auch ein Treueid auf Hitler verbunden. (2)

Vorgeworfen wird Agnes Miegel auch im weiteren Verlauf des Textes das Verhalten anderer. So habe sie 1940 den Goethe-Preis der Stadt Frankfurt erhalten und sei 1944 in die "Gottbegnadetenliste" der sechs wichtigsten deutschen Schriftsteller aufgenommen worden - übrigens zusammen mit Literaturnobelpreisträger Gerhart Hauptmann. Offensichtlich soll sich hier der Künstler dafür rechtfertigen, daß er von Institutionen einen Preis verliehen bekommt. Das ist genau so verrückt, als würde man den Komponisten Richard Wagner posthum dafür tadeln, daß Hitler und die Nazi-Führungsriege seine Werke über alles liebten. 

Als um 1900 in Berlin Börries von Münchhausen ihre handschriftlichen Gedichte und Balladen liest, erkennt er sogleich: Dies ist eine der ganz großen Dichterinnen unseres Volkes. Agnes Miegel ist der größte lebende Balladendichter unseres Volkes. So erscheint durch Münchhausens Vermittlung 1901 ihr erstes eigenes Buch - ein Band mit Gedichten und Balladen - bei dem ehrwürdigen Klassiker-Verlag Cotta. Es ist also nicht mehr als ein albernes Wikipedia-Märchen, daß Agnes Miegel erst in der Zeit des Nationalsozialismus "groß herausgekommen" sei.

 

Agnes Miegel im Jahre 1901: "Der größte lebende Balladendichter unseres Volkes"

Agnes Miegel wurde im Kaiserreich (1916: Kleist-Preis), während der Weimarer Republik (1924: Ehrendoktorwürde der Universität Königsberg), in der NS-Zeit und in der Bundesrepublik (1959: Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste) gleichermaßen hoch geschätzt. (3) An ihrem Alterswohnsitz in Bad Nenndorf bei Hannover empfing sie viele prominente Besucher und Verehrer aus Literatur und Politik, darunter im Juni 1961 Willy Brandt, damals Kanzlerkandidat der SPD und Regierender Bürgermeister von Berlin. Mehr zum Besuch Willy Brandts bei Agnes Miegel finden Sie hier:

Agnes Miegel im Jahre 1902

Rassismus, Antisemitismus und die Herabsetzung politisch Andersdenkender kommen im Werk Agnes Miegels nicht vor

Eine "Hinwendung zu Blut-und-Boden-Themen", wie von Wikipedia behauptet, gibt es bei Agnes Miegel nicht. Sie ist ein bloßes Klischee. (4) Agnes Miegel hatte ihren Stil, der stets geprägt war durch die Liebe zu ihrer Heimat Ostpreußen, schon lange vor der Machtergreifung der Nazis entwickelt.

Rassismus, Antisemitismus oder die Herabsetzung politisch Andersdenkender finden sich an keiner Stelle ihres umfangreichen Werkes. (5) Sie hatte einen jüdischen Freundeskreis.

Ihre politische Toleranz kommt anschaulich in einem Brief an Lulu von Strauß und Torney aus dem Jahr 1923 zum Ausdruck. Sie empfindet negativ die immer krasser deutschnationale Haltung der Zeitung, für die sie arbeitet, und wenn auch viele der Menschen, die sie am höchsten achte rechts stehen würden, so muß sie doch bekennen: ...ich stehe innerlich nicht zu ihrer Sache, wie sie sich auswuchs. Und sie bemerkt: Links steht neben vielem, was mir fremd ist, doch das, dem die Zukunft gehört. (6) 

Agnes Miegel wurde übrigens erst 1940 - wie weit unter politischem Druck? - Mitglied der NSDAP. Das spricht wohl eher für eine weitgehend unpolitische Haltung der Dichterin. (7) 

Innerhalb ihrer freundschaftlichen Verbindungen verwendete Agnes Miegel nie den "Deutschen Gruß". Wenn sie mit "Offiziellen" ein wenig bekannter war, bestellte sie herzliche Grüße oder Gott ergebenen Gruß - obwohl der "Hitlergruß" die für alle verpflichtende Grußform in der Zeit der NS-Diktatur war. Es steht fest, daß Agnes Miegel zeitlebens eine gläubige Christin war und auch in den Jahren 1933-45 nie von der Kirche und ihrem Glauben abrückte oder gar Zugeständnisse machte. (8) Auch diese Tatsachen unterschlägt Wikipedia. 

Entnazifizierungs-Urteil für Agnes Miegel: Unbelastet. Sowohl Motive wie Handlungen haben niemals NS-Geist verraten.

Nach 1945 schlug die Stunde der "Wendehälse", die im Rahmen ihrer Entnazifizierungsverfahren behaupteten, eigentlich immer schon gegen den Nationalsozialismus gewesen zu sein. Agnes Miegel verweigerte sich einer solch verlogenen "Instant-Entnazifizierung". (9) Als tief religiöser Mensch sagte sie über ihr Wirken in der NS-Zeit: „Dies habe ich mit meinem Gott alleine abzumachen und mit niemand sonst.“ Aus diesem Hinweis auf ihr durch den Glauben bestimmtes Verhalten konstruiert Wikipedia nun (nach der Änderung des Artikels vom 11.11.2010) dreist ein Eingeständnis "ihrer Verstrickung in den Nationalsozialismus".

Die schließlich 1949 erfolgte Entnazifizierung Agnes Miegels brachte jedoch ein eindeutiges Urteil: Unbelastet. Wörtlich heißt es: Sowohl Motive wie Handlungen haben niemals NS-Geist verraten. (10) Wikipedia hält dieses nicht für mitteilenswert.

Keine Erwähnung findet auch die Tatsache, daß Agnes Miegel während des "Dritten Reiches" und in der Nachkriegszeit eine freundschaftliche Beziehung zu Anneliese Goerdeler pflegte. Sie war die Ehefrau von Carl Friedrich Goerdeler, eine der zentralen Gestalten des Widerstandes gegen Hitler. Nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 wurde er verhaftet und von den Nazis hingerichtet. (11)

Agnes Miegel 1946: klare Distanzierung vom Nationalsozialismus, Hoffnung auf ein "neues besseres Deutschland"

Die Behauptung in Wikipedia, die Dichterin habe sich nach 1945 nicht vom Nationalsozialismus distanziert, ist falsch. Nach dem Ende des NS-Regimes äußerte Agnes Miegel in einem Brief an ihre spätere Biographin Anni Piorreck vom 31.8.1946 aus dem dänischen Flüchlingslager Oksböl all ihre Hoffnung auf ein gewandeltes, moralisch handelndes und bescheidenes neues Deutschland: ... zum ersten Mal auch faßte ich neuen Lebensmut durch die Gewißheit, daß da für Euch Jüngere und Eure Kinder aus aller Unrast und aller Not dieser Zeit ein neues besseres Deutschland aufwächst, ein kleines armes, aber nicht verarmtes Deutschland, wo jeder Willige seine Arbeit und sein Brot finden wird .... Ach möchte sich für alle ein Weg finden, an dem Aufbau dieses bescheiden gewordenen Deutschlands mitzuarbeiten. (12) Damit hatte sich Agnes Miegel ganz eindeutig von den Verhältnissen des NS-Staates distanziert.

Kein Revanchismus und Revisionismus: Agnes Miegel akzeptiert nach dem 2. Weltkrieg die neuen politischen Verhältnisse in Ostpreußen

Revanchistische und revisionistische Gedanken lagen Agnes Miegel fern. In einem Brief an die Schriftstellerin Ina Seidel aus dem Flüchtlingslager Oksböll vom 8. 8.1946 schreibt sie: Ein Teil meines Herzens starb, als ich von Ostpreußen ging. Nur manchmal erwacht etwas. Und als ich neulich hörte (ach, vielleicht wars auch bloß ein Gerücht), daß viele hundert russische Jungbauern hin sollen, habe ich zum erstenmal vor Freude geweint - dann geht doch wieder ein Pflug über die wüsten Felder, in den leeren Dörfern werden Menschen wohnen, Kinder geboren werden, zwischen den Wiesen und Äckern spielen, Vieh wird brüllen, Hähne werden krähn - und die Erde wird leben. (13)

"Exklusivbeiträge" Agnes Miegels in der Zeitschrift "Nation Europa" existieren nicht

In verschiedenen Veröffentlichungen ist nachzulesen, Agnes Miegel habe noch nach 1945 "Exklusivbeiträge" für die stark rechtslastige Zeitschrift Nation Europa verfasst. Eine Forschungsarbeit aus dem Jahre 2010 widerlegt diese Aussagen vollständig: In den Ausgaben der Zeitschrift finden sich lediglich wenige Nachdrucke von Agnes Miegel-Gedichten aus damals schon längst publizierten Gedichtbänden. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass Agnes Miegel selbst Kontakt mit der Zeitschriften-Redaktion hatte. (14)

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Einzelnachweise, Quellenverzeichnis

Vollständige Agnes-Miegel-Dokumentation

Detlef Suhr, Agnes-Miegel-Straße 42, 26188 Edewecht