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KulTours-Zeitgeschichte: Die Dichterin
Agnes Miegel (1879-1964)
Bad Nenndorf: Stadt der Literatur - dank Agnes Miegel
Das Kurstädtchen Bad Nenndorf bei Hannover ist stolz auf seine historische
Bäderarchitektur, die teilweise noch auf das Ende des 18. Jahrhunderts
zurückreicht, den schönen Kurpark sowie auf sein buntes Shopping-Angebot,
zahlreiche Restaurants, Hotels und Pensionen.
Überregionale Bedeutung aber genießt Bad Nenndorf als jene
Stadt, die der ostpreußischen Dichterin Agnes Miegel als Alterswohnsitz diente.
Die wichtigste ostpreußische Schriftstellerin und bedeutendste
Balladendichterin ihrer Zeit lebte und arbeitete in Bad Nenndorf von 1948 bis zu
ihrem Tode im Jahre 1964. In dieser Zeit empfing sie in Bad Nenndorf viele
prominente Besucher und Verehrer aus Literatur und Politik, darunter im Juni
1961 Willy Brandt, damals Kanzlerkandidat der SPD und Regierender Bürgermeister
von Berlin.

Blumen vom Verehrer: Willy Brandt zu Besuch
bei Agnes Miegel in Bad Nenndorf, Juni 1961
Die 1. Vorsitzende der literarischen
Agnes-Miegel-Gesellschaft, Frau Dr. Marianne Kopp aus Stadtbergen, welche auch
eine Biographie sowie zahlreiche wissenschaftliche Beiträge zu Agnes Miegel
verfasst hat, veröffentlichte im September 2011 einige Gedanken zu dem
Zusammentreffen des späteren Bundeskanzlers mit der bedeutendsten
ostpreußischen Dichterin:
Das tiefgefühlte Anliegen der Versöhnung verband Agnes
Miegel und Willy Brandt in einem Geiste
Agnes Miegel war zu allen vier großen historischen Epochen ihres Lebens
(von der Kaiserzeit bis in die junge Bundesrepublik) eine anerkannte große
Dichterin, die für ihre Werke mit namhaften Preisen ausgezeichnet wurde. Zu
den besonders erinnernswerten Ehrungen, die ihr zuteil wurden, gehörte der
Besuch des regierenden Bürgermeisters von Berlin im Jahre 1961 - also vor
jetzt fünfzig Jahren. Sein Name war Willy Brandt - der SPD-Politiker, der bis
heute als Lichtgestalt gilt und wegen seiner persönlichen Integrität geschätzt
wird.
Als Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland legte Willy Brandt am 7.
Dezember 1970 vor dem Ehrenmal der Helden des Ghettos in Warschau einen Kranz
nieder. Nach dem Richten der Kranzschleife verharrte er nicht wie üblich
stehend, sondern kniete einige Zeit schweigend nieder, erhob sich wieder und
ging an der Spitze seiner Delegation fort.
Diese Demutsbekundung ist als „Willy Brandts Kniefall“ in die Annalen
der Geschichte eingegangen. Sie wurde international als Bitte um Vergebung
gewertet und ebnete der Ostpolitik den Weg, für die Willy Brandt 1971 den
Friedensnobelpreis erhielt.
Gut 35 Jahre früher sah es um Willy Brandts Befindlichkeiten anders aus:
Er hatte - noch unter seinem Geburtsnamen Herbert Frahm - nach Hitlers
Machtergreifung emigrieren müssen, zunächst nach Dänemark, dann Norwegen,
nachdem die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands (SAPD), der er angehörte,
verboten worden war. Auch in Norwegen war er vor nationalsozialistischer
Verfolgung nicht sicher, geriet sogar vorübergehend, ohne unter seinem
Decknamen Willy Brandt erkannt zu werden, in deutsche Kriegsgefangenschaft.
Allein aus diesen wenigen Hinweisen wird deutlich, dass Willy Brandt unter der
Nazi-Diktatur erheblich zu leiden hatte. Und nun sollte er, der Verfolgte,
ausgerechnet einer vermeintlichen Nazidichterin, Hitler-Anhängerin, einer aus
den Reihen der Verfolger, seine Aufwartung machen? Ihm konnte nicht entgangen
sein, dass die damalige Presse-Öffentlichkeit Agnes Miegel abwechselnd mit höchster
Anerkennung und bitterster Schmähung überschüttete, mit verehrender Liebe
und unversöhnlichem Hass. Dennoch war es ihm, dem damals 47-Jährigen, ein
warmes Anliegen, der betagten, inzwischen 82-jährigen Dichterin, seine
Aufwartung zu machen, ihr die Ehre zu erweisen, ihr Blumen zu überreichen.
1952 hatte Agnes Miegel für den Ostdeutschland-Gedenkturm in Schloss Burg
an der Wupper ihr Bekenntnis in Verse gefasst, ”nichts als den Hass zu
hassen“. 1959 hatte sie in einem neunzigminütigen Radiogespräch auf die
Frage nach den Polen und Russen in ihrer verlorenen Heimat Ostpreußen erklärt,
sie könne nur mit guten Gedanken an die Menschen denken, die jetzt auf seinem
Erdboden und in seinen ehemaligen Dörfern, Städten und Gütern leben.
Das tiefgefühlte Anliegen der Versöhnung verband Agnes Miegel und Willy
Brandt in einem Geiste.
Das Pressefoto von seinem Besuch in Bad Nenndorf wurde auch in späteren
Jahren mehrfach von verschiedenen Zeitungen wiederabgedruckt. Wir wissen
leider nicht, was bei diesem Besuch gesprochen wurde. Agnes Miegel berichtete
ihrer jüngeren Freundin und späteren Biographin Dr. Anni Piorreck, wie der
regierende Bürgermeister von Berlin Brandt am 1. Juni mit einem großen
gelben Rosenstrauß zu ihr kam: „Er war sehr sympathisch und stockheiser und
müde, aber sehr schlicht und nett, in aller Kürze.“
Dass es aber diese Begegnung gegeben hat, erscheint gerade heutzutage in
einem helleren Licht, da etliche Städte den Straßennamen Agnes Miegels
abschaffen wollen und eine „politisch korrekte“ Presse-Öffentlichkeit
Agnes Miegel als Nazidichterin beschimpft und völlig aus der differenzierten
Lebenswirklichkeit ihrer Zeit herausreißt.
Willy Brandt hatte diese Zeit selbst erlebt und wusste aus erster Hand um
die Rolle, die Agnes Miegel unter dem Nationalsozialismus und in der
Nachkriegszeit für ihre Leser und Landsleute gespielt hatte. Er ehrte sie aus
aufrichtigem Herzen - sicherlich nicht weniger menschlich Anteil nehmend als
ein knappes Jahrzehnt später bei seinem Kniefall von Warschau.
Sollten die heutigen Politiker sich nicht auch in dieser Hinsicht ihn zum
Vorbild nehmen?
Dr. Marianne Kopp, Stadtbergen
Wie das nahe Wiedensahl durch Wilhelm Busch, so wurde Bad
Nenndorf dank Agnes Miegel zu einem bekannten Dichterort
Bad Nenndorf wurde zu einem
bekannten Dichterort - wie das nahe Wiedensahl, der Geburtsort von Wilhelm
Busch. Die Stadt verlieh der Dichterin die Ehrenbürgerwürde.
Nach dem Tode Agnes Miegels wurde 1969 die literarische
Agnes-Miegel-Gesellschaft gegründet, die sich zum Ziel gesetzt hat, Leben und
Werk der Dichterin zu erforschen und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Die vielfältigen Aktivitäten der Gesellschaft umfassen monatliche öffentliche
Lesungen, die jährlichen Agnes-Miegel-Tage mit Forschungshintergrund und
Referenten aus vielen Nationen, sowie die Herausgabe von Schriften zu Leben und
Werk der bedeutenden Dichterin. Insgesamt wird das kulturelle Leben der Stadt
Bad Nenndorf durch die Aktivitäten der Agnes-Miegel-Gesellschaft enorm
bereichert, so daß sie den Charakter eines kulturellen Provinzstädtchens
vollständig ablegen konnte.
Das ehemalige Wohnhaus Agnes Miegels wurde Museum, ein Denkmal
für die Dichterin entstand, ein Platz wurde zu ihren Ehren benannt. Auf dem
Bergfriedhof kann man die Grabstätte der Dichterin
besuchen.
Informationsmaterial
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Einzelnachweise,
Quellenverzeichnis
Vollständige
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Detlef
Suhr, Agnes-Miegel-Straße 42, 26188 Edewecht |